Wie kommt es, dass wir irgendwann dort landen, wo wir nie sein wollten?
„Jetzt habe ich auch keine Lust mehr auf Schwimmen, du kleiner Tyrann“, sagte der Vater zu seiner kleinen Tochter und stapfte wütend davon.
Das kleine Mädchen stand da. Tränen in den Augen. Ängstlich. Irgendwann schreiend.
Vielleicht denkst du jetzt: Das geht gar nicht.Vielleicht bist du im ersten Moment empört und fragst dich, wie ein Vater so mit seinem Kind sprechen kann. Doch ich möchte heute nicht über diesen Vater sprechen. Nicht darüber, ob und was er falsch gemacht oder besser hätte machen können.
Denn der Papa ist nicht das Problem.
Er ist kein schlechter Vater.
Und wenn ich an das Bild dieser Familie denke – neben uns auf ihren Decken –, dann weiß ich, dass dieser Vater wahrscheinlich genau das wollte, was wir alle wollen:
Das Beste für unsere Kinder.
Und genau DAS wird ihm immer wieder zum Verhängnis. Wie so vielen von uns.
Denn die eigentliche Frage ist nicht, welche Worte in dieser Situation angemessener gewesen wären.
Die eigentliche Frage darf sein:
Wie kommt es, dass wir immer wieder genau da landen, wo wir eigentlich niemals landen wollten?
Wie kommt es, dass wir Dinge sagen, die wir niemals sagen wollten?
Gedanken haben, die wir niemals haben wollten?
Wie kommt es, dass wir laut werden, obwohl wir einfühlsam bleiben wollten?
Dass wir drohen, obwohl wir uns vorgenommen haben, niemals mit Druck zu arbeiten?Dass wir irgendwann nur noch wollen, dass dieses Gefühl, dieser Konflikt, diese Situation endlich aufhört?
Vielleicht liegen die Antworten darauf nicht darin, noch bessere Erziehungskonzepte zu entwickeln.
Nicht darin, die richtigen Sätze und Worte zu finden.
Und auch nicht darin, die perfekte Handlungsanweisung für jede Situation zu kennen.
Vielleicht müssen wir den Blick einfach einmal in eine andere Richtung lenken.
Wir wollen es richtig machen
Gerade in einer Welt, in der bindungs- und bedürfnisorientiertes Elternsein immer mehr Menschen erreicht, ist etwas sehr Wertvolles entstanden:
Wir schauen genauer hin.
Wir wollen verstehen, was hinter einem Verhalten steckt.
Wir wollen die Bedürfnisse unserer Kinder ernst nehmen.
Wir wollen nicht einfach Macht ausüben.
Wir wollen Grenzen respektvoll setzen.
Wir wollen Gefühle begleiten, statt sie zu unterdrücken.
Und das ist gut.
Sehr gut sogar.
Doch aus einem wertvollen Gedanken kann irgendwann ein enormer innerer Druck werden. Plötzlich scheint es für alles eine richtige Vorgehensweise zu geben. Jeder Schritt wird erklärt. Jede Grenze begründet. Und möglichst so lange erklärt, bis das Kind sie auch verstanden und akzeptiert hat.
Wir stellen Fragen über Fragen:
Was brauchst du?
Warum möchtest du das?
Was würde dir jetzt helfen?
Wie können wir das gemeinsam lösen?
Wir versuchen, jede Reaktion unseres Kindes zu verstehen, jede Emotion einzuordnen und jeden Konflikt möglichst feinfühlig zu begleiten.
Und irgendwann entsteht daraus ganz unbemerkt ein Anspruch:
Ich muss es richtig machen.
Nicht nur meistens.
Nicht nur gut genug.
Sondern richtig.
Und wenn das Kind trotzdem wütend bleibt? Wenn es Nein sagt? Wenn es schreit? Wenn es eine Grenze nicht akzeptieren möchte? Wenn es trotz aller Erklärungen weiterhin frustriert ist?
Dann werden wir hilflos.
Und genau hier liegt eine Frage, die wir uns viel öfter stellen könnten:
Wo werde ich eigentlich berührt – und warum?
Denn was macht man, wenn man wirklich alles richtig machen möchte und es trotzdem nicht funktioniert?
Wenn Bedürfnisorientierung zum Druck wird
Lasst uns noch ein Stück weitergehen. Denn in dem Bestreben, DAS BESTE zu tun und bindungs- und bedürfnisorientiert zu begleiten, verschwimmen manchmal die Grenzen.
Unsere Kinder haben Bedürfnisse. Und Bedürfnisse verdienen Beachtung, Schutz und Beziehung. Aber nicht alles, was ein Kind möchte, ist automatisch ein Bedürfnis.
Ein Wunsch darf ein Wunsch sein. Ein Kind darf sich etwas wünschen, das wir nicht erfüllen. Es darf enttäuscht sein. Es darf wütend sein. Es darf unsere Grenze doof finden. Und eine Grenze muss nicht erst dann gültig werden, wenn ein Kind ihr zustimmt.
Wir dürfen Nein sagen. Wir dürfen Entscheidungen treffen. Wir dürfen Verantwortung übernehmen. Und wir dürfen gleichzeitig anerkennen:
Mein Kind muss meine Grenze nicht gut finden, damit ich es liebevoll begleiten kann.
Auch hier geraten viele Eltern unter Druck. Weil Frustration nicht erlebt werden soll. Weil wir Gefühle nicht verletzen wollen. Weil wir unser Kind nicht traumatisieren möchten. Und weil die Angst vor dem Gefühlssturm irgendwann so groß wird, dass wir nicht mehr nur unser Kind begleiten.
Wir versuchen, dafür zu sorgen, dass es sich wieder gut fühlt. Und das ist ein Unterschied. Denn Kinder müssen nicht vor jeder unangenehmen Erfahrung geschützt werden.
Sie brauchen Erwachsene, die ihnen auch durch diese Erfahrungen hindurch zur Seite stehen.
Und dann stehen wir irgendwann am See. Oder an einem anderen Ort.
Und plötzlich geht es um so viel mehr als um den kleinen Menschen vor uns. Genau darüber sollten wir sprechen. Nicht darüber, wer hier was falsch gemacht hat. Sondern darüber, was lange davor passiert. Oft schon in unserer eigenen Kindheit.
Denn niemand steht morgens auf und denkt: Heute werde ich ungeduldig werden und mein Kind anschreien.
Niemand nimmt sich vor: Heute werde ich genau so reagieren, wie ich eigentlich niemals reagieren wollte.
Und trotzdem passiert es. Nicht, weil Eltern ihre Kinder nicht lieben. Sondern weil Liebe allein – und auch der Wunsch, das Beste zu geben – nicht automatisch dafür sorgen, dass wir in herausfordernden Situationen anders reagieren können.
Denn wir beginnen nicht bei null.
Wir können nicht bei null beginnen
Wir können unsere eigene Geschichte nicht einfach an der Haustür ablegen.
Wir können nicht sagen: Meine Eltern haben das so gemacht. Ich mache es jetzt komplett anders.
Wir können bewusst anders handeln. Aber wir tun das aus einem Menschen heraus, der selbst eine Geschichte hat. Mit eigenen Erfahrungen. Mit eigenen Prägungen. Mit Vorstellungen davon, was richtig und falsch ist. Mit Erinnerungen an Situationen, in denen wir selbst wütend, traurig, hilflos oder allein waren. Mit Gefühlen, für die vielleicht niemand Raum hatte. Mit Sätzen, die wir selbst gehört haben. Mit Erfahrungen, die heute noch in uns wirken können.
Und manchmal berührt unser Kind genau diese Stellen.
Nicht, weil es etwas falsch macht. Sondern weil bestimmte Situationen in uns etwas auslösen. Und plötzlich reagieren wir nicht mehr nur auf das, was gerade vor uns passiert. Wir reagieren auch auf das, was in uns bereits vorhanden ist.
Wenn ein angespanntes Nervensystem auf ein angespanntes Nervensystem trifft
Dazu kommt etwas, das wir in der Elternbegleitung nicht außer Acht lassen dürfen: unser Nervensystem.
Wir können wissen, dass unser Kind gerade einen Gefühlssturm erlebt. Wir können wissen, dass es Verbindung braucht. Wir können wissen, dass Schreien nichts daran ändert. Und trotzdem merken wir:
Unser Körper wird angespannt.
Unsere Stimme wird schärfer.
Wir werden ungeduldig.
Wir wollen, dass es aufhört.
Wir wollen die Situation kontrollieren.
Wir wollen raus.
Denn Wissen allein verändert nicht automatisch unsere Reaktion.
Wenn ein angespanntes Nervensystem auf ein anderes angespanntes Nervensystem trifft, entsteht nicht automatisch Ruhe, nur weil wir wissen, wie wir eigentlich reagieren sollten.
Wir beeinflussen uns gegenseitig.
Wir nehmen Spannung wahr.
Wir reagieren darauf.
Und manchmal geben wir unbewusst genau das weiter, was wir selbst einmal gelernt haben. Nicht, weil wir das wollen. Nicht, weil wir schlechte Eltern sind. Sondern weil wir Menschen sind. Und Veränderung beginnt nicht damit, dass wir unsere eigene Geschichte vergessen.
Sie beginnt damit, dass wir sie verstehen.
Vielleicht müssen wir deshalb nicht noch mehr lernen
Vielleicht brauchen wir nicht noch eine weitere Methode. Nicht noch zehn Formulierungen für die perfekte Grenze. Nicht noch einen Satz, den wir im nächsten Gefühlssturm sagen können.
Vielleicht dürfen wir irgendwann aufhören, uns ständig zu fragen: „Was mache ich jetzt richtig?“
Und stattdessen beginnen zu fragen: „Was passiert gerade eigentlich?“
Was passiert bei meinem Kind? Was passiert bei mir? Was wird in mir berührt? Wann beginnt mein Körper angespannt zu werden? Was brauche ich, damit ich in dieser Situation bei mir bleiben kann?
Denn bindungsorientiertes Elternsein beginnt nicht erst beim Kind. Es beginnt bei uns. Bei unserer Geschichte. Bei dem, was uns berührt. Bei dem, was in uns wirkt. Und bei der Fähigkeit, uns selbst zunehmend besser zu verstehen.
Nicht, damit wir irgendwann perfekt reagieren.
Sondern damit wir immer öfter die Möglichkeit haben, bewusst zu entscheiden, wie wir reagieren möchten.
Stell dir vor …
Stell dir vor, du müsstest in diesen Momenten nicht mehr darum kämpfen, alles richtig zu machen.
Du müsstest nicht für jede Emotion die richtigen Worte finden. Nicht jede Grenze erklären, bis dein Kind sie gut findet. Nicht jeden Gefühlssturm verhindern. Nicht ruhig bleiben, weil du irgendwo gelesen hast, dass gute Eltern immer ruhig bleiben.
Sondern du würdest verstehen, was gerade passiert.
Bei deinem Kind. Und bei dir. Du würdest früher merken, wann dein eigenes Nervensystem beginnt, hochzufahren. Du würdest erkennen, warum bestimmte Situationen dich so tief berühren. Und du würdest zunehmend erfahren, wie Verbindung auch dann möglich bleibt, wenn es laut wird.
Nicht perfekt.
Nicht immer.
Aber immer bewusster.
Genau darum geht es in meinem Eltern-Kraft-Paket „Verbindung statt Macht“.
Nicht darum, dir noch mehr Regeln für „richtiges“ Elternsein mitzugeben. Sondern darum, dich selbst besser zu verstehen. Deine Reaktionen. Deine Geschichte. Dein Nervensystem. Und die Dynamiken, die entstehen, wenn starke Gefühle auf starke Gefühle treffen.
Denn Veränderung beginnt nicht dort, wo wir unserem Kind etwas anders beibringen.
Sie beginnt dort, wo wir uns selbst verstehen lernen.


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