„ICH WILL“
Aktuell gefühlt der Lieblingssatz unserer 4-Jährigen.
Ich will.
Ihre Schuhe verkehrt herum angezogen, aber umdrehen? Keine Chance.
„Ich will sie aber so anziehen.“
Die Hose passt am frühen Morgen nicht zum Anziehen, weil sie nicht so aussieht wie die von der großen Schwester.
„Ich will aber so eine Hose.“
Für mich gerade faszinierend und herausfordernd gleichermaßen. Denn in ihr verbindet sich Hochsensibilität mit Willensstärke. Eine irre Kombi. Wir haben ein hochsensibles Scanner Mädchen und ein hochsensibles Kind. Und wir haben willensstarke Kinder.
Sie ist unser erstes Kind, welches beides in sich vereint.
Und damit öffnet sie für uns einmal mehr neue Türen. Zeigt uns neue Aspekte. Bringt uns an Stellen, an denen wir einmal mehr erfahren: Was für einen kleinen Menschen passt, kann für den anderen überhaupt nicht passen. Und so lehrt mich unsere 4-Jährige einmal mehr:
Für das Begleiten kleiner Menschen gibt es einfach kein Lehrbuch.
Auch wenn immer wieder versucht wird, uns genau das zu verkaufen.
Es gibt die Methode.
Die richtige Reaktion.
Den perfekten Satz.
Die fünf Schritte, mit denen das Kind kooperiert.
Die Tipps für das willensstarke Kind.
Die Strategien für das hochsensible Kind.
Und dann sitzt du da. Mit einem vierjährigen Menschen vor dir, der seine Schuhe unbedingt verkehrt herum tragen möchte und gleichzeitig völlig aus dem Gleichgewicht gerät, wenn sich etwas nicht so anfühlt, wie sie es erwartet hat.
Und plötzlich ist dieser Gedanke wieder ganz klar in mir:
Das hier ist kein „Fall“ für eine Methode. Und dieser kleine Mensch ist nicht irgendwie komisch, nur weil er nicht ins Lehrbuch passt.
Das hier ist ein kleiner Mensch.
Ein ganz bestimmter Mensch.
Mit ihrer eigenen Geschichte.
Ihrer eigenen Wahrnehmung.
Ihrem eigenen Temperament.
Ihren eigenen Bedürfnissen.
Ihren eigenen Grenzen.
Und ihrem eigenen Willen.
Letztendlich ist genau das die Herausforderung am Begleiten von Kindern:
Dass wir immer wieder glauben, wir hätten es jetzt verstanden.
Wir kennen die Bedürfnisse.
Wir kennen die Entwicklung.
Wir wissen, was hinter einem Verhalten steckt.
Und dann kommt dieses eine Kind und zeigt uns:
Schau noch einmal genauer hin.
Nicht jedes „Ich will“ bedeutet dasselbe. Manchmal ist es einfach der Wunsch, selbst zu entscheiden. Manchmal ist es Autonomie. Manchmal ist es der Wunsch nach Selbstbestimmung in einer Welt, in der so vieles von Erwachsenen bestimmt wird. Manchmal ist es eine klare Grenze. Und manchmal steckt dahinter vielleicht auch eine Überforderung, eine Wahrnehmung, die für uns nicht sofort nachvollziehbar ist, oder das Bedürfnis, dass etwas ganz genau so sein muss, damit es sich für dieses Kind stimmig anfühlt.
Und genau deshalb möchte ich das „Ich will“ meiner Tochter nicht einfach wegmachen. Ich möchte verstehen lernen. Nicht, um jeden Wunsch zu erfüllen. Das ist ein wichtiger Unterschied.
Denn Verstehen bedeutet nicht automatisch Einverstanden-Sein.
Ich kann sagen:
„Du willst die Schuhe so tragen.“
Und gleichzeitig:
„Wir gehen jetzt los.“
Ich kann verstehen, dass sie diese Hose möchte. Und trotzdem kann ich sagen:
„So eine Hose haben wir nicht in deiner Größe. Wir haben diese Hose hier.“
Ihr Wille darf da sein.
Und meiner auch.
Und DAS ist für mich eine der wichtigsten Erfahrungen, die wir kleinen Menschen mit auf den Weg geben können.
Du darfst einen eigenen Willen haben.
Und ich darf meinen haben.
Du darfst sagen, was du willst.
Und ich begleite dich, wenn dein Wille mit meinen Entscheidungen nicht zusammenpasst.
Denn ich bin der Leuchtturm.
Wir müssen nicht denselben Willen haben, damit wir miteinander verbunden bleiben.
Unser Ziel sollte nicht sein, einen kleinen Menschen dahin zu begleiten, dass er irgendwann nicht mehr „ICH WILL“ sagt.
Sondern dahin, dass er irgendwann sagen kann:
Ich weiß, was ich will.
Und gleichzeitig weiß:
Andere Menschen dürfen etwas anderes wollen.
Für mich ist unsere Vierjährige gerade mal wieder eine wundervolle Lehrmeisterin. Nicht, weil sie mir zeigt, wie man mit einem „willensstarken, hochsensiblen Kind“ umgehen muss. Sondern weil sie mich daran erinnert, dass ich jedes Kind immer wieder neu kennenlernen darf. Auch wenn ich schon neun Kinder begleitet habe. Auch wenn ich unzählige Bücher gelesen, Gespräche geführt und Familien begleitet habe. Auch wenn ich glaube, ich müsste es doch langsam wissen.
Sie zeigt mir wieder:
Du musst es nicht wissen.
Du musst bereit sein, hinzusehen.
Zuzuhören.
Auszuprobieren.
Zu beobachten.
Und dich von dem Menschen vor dir immer wieder überraschen zu lassen.
Sie ist meine Lehrmeisterin, weil sie mir gerade wieder Türen öffnet, von deren Existenz ich bisher nichts wusste. Denn authentisches Elternsein heißt nicht, alles zu wissen. Es ist eben nicht das perfekte Beherrschen einer Methode.
Sondern die Bereitschaft, wirklich in Beziehung zu gehen.
Auch dann, wenn vor dir jemand steht, der sehr deutlich sagt:
ICH WILL.


Kommentare: 1
Wir haben genau das gleiche Wesen mit dem gleichen Namen nur 1,5 Jahre älter.
Absolute Herausforderung jeden Tag aufs Neue.