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Wir haben nicht ewig Zeit

Wege und Lösungen für ein achtsames Familienleben

Wir haben nicht ewig Zeit

Als ich kürzlich von unserer Ältesten erzählt habe, über ihre Loslösung und unser Loslassen, habe ich sehr viele Rückmeldungen bekommen. Und sehr viele Fragen.
Denn wie um alles in der Welt schafft man das?
Wie gelingt es die Bindungsbeziehung über all die Jahre der Kindheit zu tragen, durch alle Stürme und Herausforderungen und sie zu einem starken, kraftvollen und innigen Band werden zu lassen?
Wie gelingt es uns verbunden zu bleiben mit diesem jungen Menschen auf seinem Weg ins Erwachsensein, in einer aufrichtigen und Raum gebenden Beziehung?


Üblicherweise suchen wir Antworten auf diese Fragen in Methoden, die uns erzählen, wie wir mit unseren Kindern umzugehen haben. Felsenfest davon überzeugt, dass die Lösung irgendwo da draußen liegt, in irgendeinem großartigen Konzept, begeben wir uns auf die Suche nach dem einzigen, wahren  RICHTIG und vergessen dabei meist nicht nur uns selbst, sondern auch dieses wundervolle kleine Wesen, welches wir begleiten. Wir lesen ein Buch nach dem anderen und hoffen darin, die Antworten zu bekommen, nach denen wir suchen. Mehr noch hoffen wir darin, DIE ultimative Lösung für den Umgang mit unserem Kind und seinem Verhalten zu finden. Ein Verhalten, das uns immer mal wieder berührt und aus dem Gleichgewicht bringt.
Und doch werden wir nie fündig.
Weil die Antworten nicht im Außen liegen.
Weil kein Konzept, keine Methode und auch kein Buch uns Aufschluss darüber geben kann, wer dieses kleine Wesen ist, das wir als Mama und Papa in diesen wenigen Jahren des Heranwachsens begleiten dürfen.

Und weil wir – so mühsam, hart und schmerzlich dass manches Mal auch sein mag – bei uns selbst beginnen müssen. Mit der Suche nach Antworten, mit dem Verstehen und Begreifen und mit dem Annehmen und Loslassen.

Dennoch suchen wir so oft weiter.
Stur, hartnäckig und jedes Mal wieder überzeugt davon, endlich das RICHTIGE gefunden zu haben.
Warum?
Weil es uns einfacher erscheint.
Weil wir lieber an der Oberfläche bleiben und nach Lösungen im Außen suchen, als den Blick zu uns selbst zu wenden.
Und weil wir die Verantwortung lieber auf andere übertragen, als sie selbst zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und unsere Rolle als Erwachsener anzunehmen.


NUR: Wir haben nicht ewig Zeit.
Wir haben nicht ewig Zeit, das Ruder herum zu reißen und in unsere Kraft zu kommen.
Wir haben nicht ewig Zeit, um zu erkennen, dass die Antworten auf unsere Fragen in uns selbst zu finden sind.
Wir haben nicht ewig Zeit um unseren Kindern zuzuhören, sie wahrzunehmen in ihrem ganz individuellen SEIN, die Bindung zu ihnen zu stärken, sie immer und immer wieder zu bestätigen und ihnen zu zeigen, wie wertvoll, großartig und einzigartig sie sind.
Wir haben nicht ewig Zeit, sie in den Arm zu nehmen und ihnen das Gefühl zu geben, dass es in Ordnung ist wer sie sind und was sie empfinden und das wir (für sie) DA sind, gleich was passiert.

Wir haben nicht ewig Zeit, auch wenn sich das gerade in den ersten Wochen und Monaten unseres Elternseins ganz anders anfühlen mag. In all den schlaflosen Nächten, den unendlich erscheinenden Wutanfällen, der herausfordernden Autonomiephase. …. Wir haben nicht ewig Zeit und doch fühlt es sich manchmal so an.
Ich weiß wovon ich spreche.
Auch wir dachten unendlich viel Zeit zu haben, für die Bindung und das Stärken dieser. Auch wir dachten, dass es ausreichend sei, einfach bedingungslos zu geben und Bedürfnisse zu erfüllen. Und auch wir dachten, dass da nicht viel schief gehen kann, wenn man ES nur richtig macht …
Ist es ja auch nicht, schief gegangen.

Aber gestolpert sind wir. Ziemlich heftig sogar.
Denn so einfach sich dieses bedingungslose Geben und bedürfnisorientierte Begleiten anhört, so komplex wird es, wenn da plötzlich mehrere Bedürfnisse sind, die ganz unterschiedliche Befriedigungen brauchen. Und wenn wir – aus ganz unterschiedlichen Gründen – nicht gelernt haben, uns selbst zuzuhören, gut für uns selbst zu sorgen und unsere eigenen Grenzen wahrzunehmen.

Denn was uns an diesem bedingungslosen Geben und bedürfnisorientierten Begleiten so oft fasziniert, ist nicht primär, dieses damit einhergehende SEIN DÜRFEN, das wir unseren Kindern damit ermöglichen (wollen), sondern es sind die Farben, in denen wir uns dieses Begleiten ausmalen. Die Einfachheit, die wir dahinter vermuten und der Glauben daran, dass wir dann alles wundervoll harmonisch sein würde und wir es nur mit den schönen Seiten des Zusammenlebens zu tun hätten.
Ein glückselig vor sich hin lächelndes, immer zufriedenes kleines Wesen, weil es ALLES bekommt, was es braucht … und möchte. Bis die Erfüllung dieses Brauchens und Wollens zu einem SPAGAT wird, den wir nicht mehr ausführen können, weil er unmöglich zu vollbringen ist und erkennen müssen, das ALLES schlicht und einfach eben nicht genug ist. Und das bindungs- und bedürfnisorientierte Begleitung so viel mehr ist, als einfach nur ALLES zu geben.


UND JA! Wir haben nicht ewig Zeit. 
Um bei uns selbst zu beginnen, unseren Platz einzunehmen und den kleinen Menschen nicht einfach ALLES, sondern genau DAS zu geben, was sie wirklich brauchen.
Und das sind in erster Linie WIR. Als starke, vertrauensvolle, greifbare, nährende, liebende, … ER-WACHSENE, die in ihrer vollen Größe und Eigenverantwortung und dadurch fähig sind, auf der METAEBENE zu begleiten.
Metaebene?
Ja, jene Gefühlsebene, in der wir uns dann bewegen können, wenn wir EIGENVERANTWORTUNG übernehmen. Für uns selbst und unsere Gefühle. Und wo wir in jedem noch so kleinen Augenblick, in dem wir von Gefühlen, Bedürfnissen, Situationen, … berührt werden, bei uns selbst beginnen. Nicht beim Anderen. Nicht im außen, sondern im INNEN!  

Und ja, zugeben, das ist ein ganz schön herausfordernder und steiniger Weg. Denn nichts wäre einfacher, als die Verantwortung ab- und sie damit den anderen zu übergeben. Denjenigen, wegen derer wir uns ja so fühlen …, wegen derer es so anstrengend und herausfordernd ist … oder wegen derer wir einfach noch nicht das passende Konzept gefunden haben. Weil sie zwar viele Antworten geben, aber nicht die die uns zufriedenstellen.

ABER: WIR HABEN NICHT EWIG ZEIT.
Nicht in der Beziehung zu unseren Kindern und im Übrigen auch nicht in der Beziehung zu unseren Partnern – wo im Grunde das gleiche Prinzip gilt. Denn irgendwann werden wir einander überdrüssig. Irgendwann wollen die Kleinen nicht mehr darauf warten gesehen zu werden und Bindungssicherheit zu bekommen. Irgendwann – schneller als uns lieb ist – wenden sie sich von uns ab, wenn sie das, was sie wirklich brauchen, nicht bekommen. Und irgendwann, ist es schlicht und einfach zu spät, um das Ruder noch herum zu reißen. Denn irgendwann stehen diese kleinen Menschen auf der Schwelle zum Erwachsensein und brauchen eine bestehende, stabile, vertrauensvolle Bindungsbeziehung. Und keine schwammige, unzuverlässige, lose Beziehung. Schon gar nicht zu Erwachsenen, die keine Verantwortung übernehmen wollen und die nicht bereit dazu sind, zu geben, was gebraucht wird, weil sie nicht dahin schauen wollen, was in ihnen wirkt und ist.
Denn obwohl die Phase der Pubertät Loslösung bedeutet und obwohl es da einige Herausforderungen zu meistern gilt, brauchen uns sie jungen Menschen in dieser Phase mehr denn je, als starken und sicheren Halt. Und Pubertät – auch hier gerne anderes behauptet wird – bedeutet nicht zwangsläufig einen Bruch in der Eltern-Kind-Beziehung. Sie bedeutet nicht automatisch, dass sich die Jugendlichen von den Eltern abwenden und ihnen nicht mehr Vertrauen, wie das gerne behauptet wird. Sie bedeutet nicht automatisch, dass die Kommunikation entweder kompliziert oder nicht existent wird.
Ganz im Gegenteil. Denn ähnlich wie die ersten Schritte des Kleinkindes in Richtung Selbstständigkeit, brauchen die ersten Schritte des jungen Menschen in Richtung Loslösung und Unabhängigkeit vor allem eines: die Gewissheit jederzeit zurückkommen zu können und die Gewissheit, dass da jemand ist. Jemand, der ihnen zuhört, an sie glaubt, sie bestärkt, dem sie vertrauen, der für sie da ist, mit dem sie reden können und zu dem sie eine starke Bindungsbeziehung haben.
Und eben diese Bindungsbeziehung muss schon da sein. Wie ein Erfahrungswert, auf den der junge Mensch zurückgreifen kann. Wie ein sicherer Hafen, der zuverlässig und sicher einfach da ist. Als Rückzugsmöglichkeit. Und diese Rückzugsmöglichkeit, können wir unseren Kindern nicht erst erschaffen, wenn sie an der Schwelle zum Erwachsensein stehen, sondern die müssen wir eigentlich schon erschaffen haben, wenn sie klein sind und sie ihre ersten Schritte Richtung Selbstständigkeit wagen.
Und genau darum, haben wir nicht ewig Zeit. Weil es im Erwachsenwerden unserer Töchter und Söhne schlicht und einfach schon zu spät ist, die Dinge in die Hand zu nehmen. Zu spät, um damit anzufangen, ihnen zuzuhören oder zuhören zu wollen und sie wahrzunehmen, in ihren Bedürfnissen, Wünschen, Sichtweisen und Träumen.


Nein, wir haben nicht ewig ZEIT in unserem Elternsein.
Was wir aber haben, jeden Tag wieder, in jedem Augenblick aufs Neue, ist die Chance, unseren Blickwinkel und damit unsere Herangehensweise zu verändern. Es liegt ganz alleine bei uns, wohin wir unseren Blick wenden und wofür wir uns entscheiden.

Kommentare: 1

  1. Sofia sagt:

    was wenn man die Bindung verloren hat mit einem Teenager, wenn es nicht gelungen ist….was kann man dann noch tun?

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