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Ein bisschen mehr als VIEL

Wege und Lösungen für ein achtsames Familienleben

Ein bisschen mehr als VIEL

Babys brauchen viel. Das ist einfach so.
Natürlich, normal, verständlich.
Sie brauchen viel Nähe, viel Körperkontakt, viel Verständnis, viel Zuhören, viel Dasein und viel Zeit. Um hier in diesem Leben und auf dieser Erde anzukommen, um sich zurecht und vor allem auch zu sich selbst zu finden.
Und dann gibt es einfach Babys, die brauchen noch ein bisschen mehr als VIEL.
Sie brauchen viel mehr Körperkontakt und Verständnis, viel mehr Zuhören und Zeit und Nähe und viel mehr Dasein. Gefühlt weit mehr, als wir, manches Mal unserem eigenen Empfinden nach geben können.

Unsere Jüngste ist ein solches Baby.
Eines, das gefühlt einfach ein bisschen mehr braucht. Auf den ersten Blick mag einem das nicht auffallen. Immerhin scheint sie doch recht zufrieden zu sein. Sie lächelt, quietscht, betrachtet mit ihren großen Augen das Geschehen, nuckelt und lutscht an ihren Fingern, … ist entspannt. MEISTENS
Vor allem dann, wenn sie sich in direktem Körperkontakt auf meinem Arm befindet. Ständig.
Im Tragetuch oder der Trage?
Fehlanzeige, das funktioniert nur, wenn die Müdigkeit groß ist und selbst davor jammert sie, schreit manchmal auch, windet sich.
Sie ist unser erstes Baby, welches Tragetuch und Trage nicht wirklich mag.
Sie ist schnell frustriert und ist – gefühlt – von jedem neuen Entwicklungsschritt zunächst einmal überwältigt und irritiert. Er wirft sie – jedes Mal wieder – zunächst einmal aus der Bahn.
Auf der Decke liegen? So wie wir das von den anderen kennen?
Keine Chance. Außer es ist früh am morgen, die Nacht war gut, der Schlaf war ausreichend, der Bauch drückt nicht, die Zähne schieben nicht, das Umdrehen oder Fortbewegen geschieht nicht zu rasant oder plötzlich oder was auch immer, ein dringendes Bedürfnis funkt nicht dazwischen und irgendwer befindet maximal ein paar wenige Zentimeter von ihr entfernt.

Es gibt nur wenige Augenblicke am Tag, die ich ohne Baby am Arm verbringen kann. Entweder, weil sie jemand anderer gerade hält, sie tagsüber in meinen Armen eingeschlafen ist und sich ausnahmsweise einmal auf die Decke legen lässt oder auch, weil es abends ist und sie in ihrem Bettchen eingeschlafen ist und mir so ein bisschen Zeit bleibt, um nur ICH zu sein … oder einmal etwas mit zwei Händen zu machen.
So wie jetzt gerade, wo ich diese Zeilen schreibe.

Das „viel mehr“ hat einen Namen
High Need – zum ersten Mal kam mir der Begriff wenige Tage nach der Geburt in den Sinn. Tage, in denen sie fast ohne Unterbrechung mal an der einen und dann an der anderen Brust gesaugt hatte und zu wimmern und weinen begann, wenn ich doch einmal auf die Toilette oder unter die Dusche musste … High Need – was ich bisher nur aus meinen Ausbildungen, Begleitungen und ganz großartigen Büchern kannte und nie selbst erlebt habe.

Die kleine Raupe – die ihren Namen aus dem gefühlten Dauerstillen der ersten Tage hat – zeigte uns recht schnell, dass dieses „normale“ VIEL für sie einfach zu wenig ist und das sie viel mehr braucht. Vor allem mehr Sicherheit, mehr Nähe, mehr Dasein und das augenblickliche und punktgenaue Erkennen von Bedürfnissen. Einen Augenblick zu früh oder etwas zu langsam und schon fließen die Tränen … Einen Augenblick zu spät, weil da noch die anderen Kleinen sind, die gerade Hilfe oder Unterstützung benötigen und das fast schon untröstliche Weinen nimmt seinen Lauf. 
Sie möchte umhüllt werden. Ständig. Immer. Fortwährend. Getragen, gehalten, gekuschelt, gedrückt … Und das immer. Manchmal fühlt es sich so an, als müsste ich mich auflösen, sie zurück in den Bauch holen, ihr noch ein bisschen mehr Zeit geben, sie vollkommen umfangen, damit sie Stück für Stück und im gefühlten Schneckentempo, zaghaft all die großen und kleinen Hürden des Heranwachsens nehmen kann.
Wäre Bindung ein sichtbares Seil, welches wir zwischen uns und unseren Töchtern und Söhnen spannen müssten, dann bräuchten wir bei der kleinen Raupe wohl ein dreifach verstärktes Stahlseil um ihr zumindest ein wenig Sicherheit zu geben.

Grenzgang
Ich dachte eigentlich, das wir gut gerüstet wären. Nach 6 Kindern, die uns mit ihrer Wesensart – sei es nun als Energiebündel oder Hochsensibelchen – immer wieder vor Herausforderungen stellen und uns lernen lassen, fühlten wir uns eigentlich recht gefestigt. Daran hat sich im Grunde auch nichts geändert. Das Leben mit Baby sind wir gewohnt.
Und doch ist es diesmal auf ganz eigene und sehr intensive Art anders.
Diesmal stoßen wir immer mal wieder an unsere Grenzen. Die Grenzen der Belastbarkeit und des Möglichen. Die Grenzen des unablässig „VIEL geben können’s“. Und die Herausforderung, selbst im größten Sturm ruhig und gelassen zu bleiben.
Dieses kleine Wesen braucht uns. Braucht mich. Ganz dringend. Ohne Unterbrechung. Ohne Stillstand. Es will Nähe und Bewegung und vor allem keine Veränderung im Tagesablauf. Der soll bitte immer gleich bleiben. Und ruhig. Und ohne viel Wirbel …
Utopisch und unmöglich in einer Großfamilie und eine ziemlich große Herausforderung, hier nicht nur den Bedürfnissen der Jüngsten, sondern auch jenen der Älteren gerecht zu werden, sich selbst dabei nicht aus den Augen zu verlieren, den Alltag rundherum zu schupfen und irgendwie auch noch in unserer Mitte zu bleiben.

Ein Glück, dass hier ständig irgendjemand ist, der halten und tragen kann. Ein Glück, dass so viele Hände dabei helfen können, die Bedürfnisse der anderen Kleinen mal schnell zu befriedigen, wenn ich für die kleine Raupe unabkömmlich bin. Ein Glück, dass wir all das eigentlich kennen. In der Theorie zumindest. Denn im eigenen Erleben ist es viel intensiver, als man sich das vorgestellt hat und so viel leichter nun, andere Eltern ein bisschen besser zu verstehen.
Aktuell haben wir unseren relativen Rhythmus gefunden, haben feinste Sensoren für die Bedürfnisse der kleinen Raupe entwickelt und unseren Tagesablauf darauf abgestimmt. Weitestgehend. Damit wir um die Decke als Plätzchen einen großen Bogen machen und den Unmut darüber weitestgehend vermeiden können, wird dieses kleine Wesen einfach von einem zum anderen weitergereicht. Und ja, eigentlich klappt das ganz gut. Eigentlich.

Gute und schlechte Tage
Bedürfnisorientierte Begleitung bekommt eine ganz eigene Definition, wenn die Bedürfnisse übergroß sind und es vergleichsweise lange dauert, bis nach dem Gleichgewichtsverlust durch ein aufkommendes Bedürfnis das relative Gleichgewicht und mit ihm die Entspannung wieder hergestellt ist.
Es gibt die guten Tage. Die, wo die kleine Raupe zumindest am morgen zufrieden auf ihrer Decke liegt, an einem Tuch, ihren Fingern oder der Holzkette nuckelt und mit ihren großen Augen das Geschehen betrachtet. Die frühen Stunden eines Tages, in denen sie ausgeschlafen, frei von Bauchweh und ohne Hunger oder drückendem Magen (nach dem Stillen) auf der Decke liegt und sich im Quietschen übt. …

Aber es gibt auch die anderen Tage. Die, wo das Weinen bereits am frühen Morgen beginnt. Wo nichts ohne Körperkontakt geht und wo normale Alltagsbeschäftigungen zur riesengroßen Herausforderung werden, …
Es gibt Tage an denen sie immer wieder weint und an denen es dauert, bis sie wieder zur Ruhe findet. Manchmal hilft die Brust, manchmal das Tragen und Kuscheln, manchmal die frische Luft oder ein Spaziergang durch den Garten und manches Mal nichts von alle dem.
Die Auslöser an solchen Tagen oder in solchen Momenten sind vielfältig. Bauchweh, zu viele Reize, ein Bedürfnis das zu schnell zu groß wurde, ein Schreckmoment, weil sie sich im Entdecken zu schnell auf den Bauch oder zur Seite gedreht hat, der Verlust von Körperkontakt, weil ich sie für einen kurzen Augenblick auf die Decke legen muss, um meine Hände frei zu haben.
Es gibt Tage, an denen sie keine winzig kleine Minute auf der Decke liegen mag und selbst im direkten Körperkontakt mit uns unruhig ist. Tage, an denen sie nur schwer in den Schlaf findet und an denen sie am Arm ebenso weinerlich ist, wie in der Trage, im Tragetuch oder auf der Decke und an denen es so unendlich leicht ist, sich dem Gefühl hinzugeben, irgendetwas zu übersehen, nicht genug zu geben oder gar falsch zu machen …
Es sind Tage an denen es unendlich schwer ist, die eigene Balance zu halten und wo ich mich immer und immer wieder daran erinnern muss zu vertrauen …

Geben was gebraucht wird.
Das ist für alle Babys wichtig. Und besonders für jene, die sich gerade in den ersten Wochen und Monaten von ihren eigenen Bedürfnissen überfordert und überrollt fühlen und die – aus welchem Grund auch immer – Bindungssicherheit in Form von dreifach verstärkten Stahlseilen brauchen, um sich wohl und geborgen zu fühlen.

Das ist anstrengend und herausfordernd und doch so unendlich wichtig.
Weil Bindungssicherheit nicht von selbst kommt und weil wir diejenigen sind, die diese geben müssen und auch geben können.
Und so, wie es Menschen gibt die sich nur mit dreifach gesicherter Wohnungstüre wirklich sicher fühlen und andere, die ihre Türe gar nicht verschließen, gibt es Babys, die gerade in ihren ersten Wochen und Monaten einfach ein bisschen mehr als VIEL brauchen.
Das ist einfach so. Das lässt sich nicht ändern.
Was wir aber tun können, um bedingungslos geben zu können ist, gut für uns selbst zu sorgen und wenn nötig, um Hilfe und Unterstützung zu bitten.

Kommentare: 1

  1. Alexandra sagt:

    Wow, danke für den tollen Text!

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