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Loslassen

Wege und Lösungen für ein achtsames Familienleben

Loslassen

Ich dachte eigentlich immer, dass es mit den Jahre leichter wird.
Das LOSLASSEN.
Doch so sicher bin ich mir da aktuell nicht mehr :-).

Reifungsprozesse
Wer schon einmal in meinen Seminaren rund ums authentische Elternsein und achtsame Familienleben war, der kennt es wahrscheinlich. Das Bild vom Familienfeld und dem Weg des jungen Menschen, den er darin im Laufe seines Heranwachsens und Erwachsen werdens beschreitet.
Und der weiß auch, dass das Heranwachsen ein natürlicher, im Grunde unaufhaltsamer Prozess ist. Zumindest, was den körperlichen Reifungsprozess betrifft.
Der emotionale Reifungsprozess ist da wesentlich fragiler und auf eine ganz eigene Art und Weise anfälliger für Störungen.

Denn obwohl jedem Menschen das Streben nach Autonomie und Unabhängigkeit angeboren ist, obwohl jeder noch so kleine Entwicklungsschritt darauf abzielt irgendwann einmal selbstständig und autonom zu sein, braucht es nicht viel, um dieses Streben und Voranschreiten zu stören … oder auch zu zerstören.
Mitunter nicht einmal willentlich. Ganz oft passiert das – aufgrund eigener Prägungen und Muster, eigener ungelöster Themen gänzlich unbewusst und schlicht und einfach durch das eigene Verhalten. Wie auch durch Gefühle, die man auf das Kind projiziert. Und im Endeffekt braucht es nicht viel, um der Euphorie und Neugierde des jungen Menschen einen Dämpfer zu verpassen.

Das große Finale
Loslassen – das Thema ist hier wieder einmal sehr aktuell.
Nicht, dass es in unserem Elternsein irgendwann nicht aktuell wäre. Denn letztendlich braucht jede neue Phase, mitunter gar jeder neue Tag, unser LOSLASSEN und damit einhergehend – unser Vertrauen.
Und doch gibt es da – wie ich heute weiß – einmal mehr ganz feine Abstufungen, etliche Prozesse und zu guter Letzt, das große Finale. Das – wie schon eingangs erwähnt – nicht ganz so leicht ist, wie ich mir das immer vorgestellt habe. Denn ähnlich wie bei der Geburt auch, sind all die durchlaufenen Prozesse, die wir davor erlebt haben mehr oder weniger nur die Vorbereitung auf den letzten großen Schritt.
Es ist diese letzte Phase auf der Schwelle zum Erwachsen sein, in der es endgültig darum geht, vertrauensvoll los zu lassen und den jungen Menschen an dieser Weggabelung symbolisch zu verabschieden, ihn wirklich ziehen und seinen Weg gehen zu lassen. Mit der Rückversicherung im Gebäck, dass wir auch nach wie vor DA sind, wenn es nötig ist und dem Vertrauen, der Zuversicht und der Bestärkung, dass der Weg geschafft wird.

Flügge
Genau da befinden wir uns aktuell mit unserer Ältesten. Am Beginn des großen Finales. Zumindest fühlt es sich zusehends so an.
Und plötzlich ist das gar nicht mehr so leicht, wie ich immer gedacht habe.
Wer hier öfters liest weiß, dass unsere Älteste nun aufbricht in einen ganz neuen Lebensabschnitt. Zum allerersten Mal (auf die Art und Weise) weg von zu Hause. Zum allerersten Mal klassische Schule, zum allerersten Mal getrennt von den Geschwistern und zum allerersten Mal in Richtung Berufsleben …
Und so sehr ich mich auf der einen Seite mit ihr freue, so sehr kann ich zum ersten Mal überhaupt meine eigene Mama verstehen und ihre Gedanken und Gefühle damals, als ich aufgebrochen bin. Neben der Freude und Aufregung, neben dem Staunen und dem Stolz (ja auch der ist da) über diesen großartigen jungen Menschen, ist da auch ein bisschen Traurigkeit und Wehmut …

Blickwinkel und Abgrenzung
In meinem Empfinden ist es, als ob es gestern gewesen wäre, als ich sie zum ersten Mal im Arm gehalten habe. So klein und zart, so große Augen und so dunkle Haare, … und plötzlich ist sie so groß. Nein natürlich ist es nicht plötzlich geschehen, so viele Erinnerungen an so wunderbare Erlebnisse mit diesem jungen Mädchen kommen hoch. So viele Bilder von Augenblicken, wo sich ganz deutlich ihr Willen und ihre Zielstrebigkeit gezeigt haben, so viele Momente, in denen wir die – nicht immer leichten – Wachstumsprozesse begleiten und das kleine Mädchen zur jungen Frau heranwachsen sehen durften …

Und jetzt sitze ich da, schreibe diese Zeilen, spüre noch die Tränen, die da gestern da waren – bei mir und bei ihr – und gleichermaßen die Aufregung und Freude darüber, dass sie ihren Weg beginnt.
Und da ist noch etwas, was ich merke. Wie leicht es wäre, ihr meine Gefühle und Gedanken zu übergeben. Meine „Was ist wenn“ Gedanken und die „so ganz alleine“ – Gefühle, die hunderten Ratschläge, die sich in mir angesammelt haben und die Tipps … dieses unbeschreibliche Gefühl, dass es jetzt wirklich ums loslassen geht und zwar in einer ganz anderen Dimension.
Diesmal sind es nicht die ersten Schritte oder das erste Mal auswärts schlafen, sondern es ist mehr.
Diesmal geht es um die wirkliche, langsame Ablösung vom engen Familienfeld, um das Abgeben der Verantwortung (auf unserer Seite), um das Zurückziehen und gleichzeitige DA bleiben. Hinter ihr. Zum Rückhalt geben und Vertrauen – auf neue, andere Art und Weise als bisher.

Vor ein paar Tagen habe ich mich abends dabei erwischt, wie ich innerlich so eine Liste gemacht habe, was ich ihr noch alles sagen muss und kurz darauf musste ich schmunzeln, weil ich mich plötzlich an meine eigenen Mama und meine verdrehten Augen damals erinnert habe, als ich mich auf den Weg gemacht habe … E
inmal mehr habe ich gespürt, wie wichtig es ist, hier zu unterscheiden. Meine Gefühle, deine Gefühle. Und zu VERSTEHEN.
Gerade jetzt. Gerade in diesem Augenblick, wo der Drang loszuziehen so groß ist bei ihr und die Notwendigkeit uns zurück zu halten und gleichzeitig zu unterstützen und zu begleiten wo es nötig ist so wichtig.

Durchatmen, loslassen, vertrauen
Ihr seht schon – im Endeffekt geht es immer darum.
Und im Endeffekt dürfen wir all die wertvollen und wichtigen Jahre – vom Augenblick der Geburt an – als Übung und Vorbereitung sehen, für das große Finale, am Ende der Kindheit und am Beginn des ER-Wachsen seins.



Kommentare: 1

  1. Lydia Seelmann sagt:

    Liebe Lini! Kann das sehr gut nachfühlen, obwohl bei meinen Mädels noch ein wenig Zeit bleibt für diesen Moment 🙂 Schön, wie du deine Situation und deine Gefühle mit uns teilst – ich denke, das gibt auch Mut, ein Gefühl des „Wir sind nicht allein, anderen Eltern (und auch den eigenen 😀 ) geht und ging es auch so!“

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